Fotokolumne #turningpoint
Fotokolumne #ichgehraus. Das war am 17.03.2020. Eine Woche später am 24.03.2020 klingt der Titel wie eine Provokation, das will ich nicht. Dass meine Kolumne mit der Coronakrise startet, ist Zufall und war nicht geplant. Nach der Krise wird sehr viel anders sein als vorher, deshalb nenne ich meine Kolumne jetzt #turningpoint. Ich hoffe, dass sich unsere Welt hin zu mehr Solidarität verändern wird.
Eine Kolumne ist ein kurzer Meinungsbeitrag. Ich zeige, was ich erlebe, sehe, fühle. Immer dienstags.
17.03.2020

Anfang letzter Woche war ich in Assen, Holland. Im Gegensatz zu München, waren dort die Regale voll Toilettenpapier, aber die Stadt ohne Menschen. Ich fühlte mich wie in einem postapokalyptischen Endzeitfilm. Seit gestern ist hier auch die Innenstadt leer, in Bayern wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Als ich raus ging und versucht habe, einzukaufen, hat es sich genauso angefühlt. Feindliche Stimmung und immer noch kein Toilettenpapier. Es gab auch kein Obst und Gemüse. Ich hab dann Chips und Bier gekauft.

Seit heute ist Prostitution verboten und viele Männer im home office. Das ist ein neuer Katastrophenfall, denn die häusliche Gewalt wird steigen.

Mein Foto von dieser Woche zeigt meinen Wunsch nach Ruhe und Solidarität .
24.03.2020

Plötzlich ist die ganze Welt im Ausnahmezustand. Was los ist, weiß jeder.

Ich will heute über zwei Dinge schreiben, die mich neben all den erschütternden Nachrichten besonders berührt haben.

Deutsche sein war für mich noch nie etwas, worauf ich stolz war. Eine neue Facette der deutschen Mentalität bestärkt mein Unwohlsein: das Horten von Toilettenpapier. Im Radio habe ich dafür eine psychologische Erklärung gehört. Auf der Toilette fühlt man sich verletzlich. Das Horten von Toilettenpapier sei folglich ein Ausdruck des Wunsches nach Sicherheit. Für mich schwer nachvollziehbar und irgendwie beschämend.

Ich glaube an den Sinn der Krise: Welcher genau das ist, weiß ich nicht. Aber jeder einzelne muss etwas ändern und unsere Gesellschaft ist aufgerufen, sich darauf zu besinnen, dass wir alle verbunden sind und uns gegenseitig brauchen.

Gestern durfte ich Sezgin und Carmen fotografieren. Sezgin betreibt bei uns in Sendling den Obst und Gemüse Lagerverkauf DESA. Er sagt: „Wir müssen zusammenhalten, was jetzt zählt, ist Mitmenschlichkeit“ und hat jetzt in der Krise täglich geöffnet. Seine Mitarbeiterin Carmen, die sich einen Infektionsschutz aus Frischhaltefolie gebaut hat, kassiert mit unerschütterlicher Gelassenheit und Lebensfreude. Solche Menschen helfen mir zuversichtlich zu bleiben. Danke!
Fotokolumne #ichgehraus
Fotokolumne #ichgehraus. Im März, wenn der Frühling mit neuer Hoffnung kommt und in diesem Jahr 2020 gleichzeitig der Virus alles in Frage stellt, gehe ich raus und veröffentliche immer dienstags, einmal pro Woche ein Foto, bzw. eine Fotoreihe. Ich nenne es Fotokolumne, nicht Blog, denn ein Blog sollte interaktiv sein.
31.03.2020

social isolation - memories

Der aktuelle Zustand erinnert mich an meine Kindheit. Bis zur Einschulung war ich sozusagen in Quarantäne, meine sozialen Kontakte waren auf Familienmitglieder beschränkt. In erster Linie war das meine Mutter, die aber nicht sehr zugänglich war. Meistens war ich allein. Das Alleinsein habe ich sozusagen von der Pike auf gelernt, was mir jetzt zugute kommt.

Gleichzeitig ähnelt mein Leben immer mehr dem meiner Mutter. Die wichtigste Kontaktperson in ihrem Leben war unsere Nachbarin Elisabeth, die sie jeden Tag besuchte. Schon vor den Einschränkungen war meine Nachbarin Anke eine Freundin. Jetzt sehen wir uns fast täglich, alle anderen Kontakte sind auf das Telefon beschränkt. Wir besprechen alles und lachen viel. Meistens gehen wir im Park spazieren, manchmal sogar bis zur Isar. Dort steht der Allzweckbaum, für jede Gelegenheit vorbereitet. Ich finde ihn tröstlich.



07.04.2020

homelessness

Die Welt steht still. Schön eigentlich.

Eine der wenigen Branchen, die nicht still gelegt sind, ist das Baugewerbe. Vor meiner Wohnung toben seit Monaten zwei Baustellen. Zur Zeit wünsche ich mir, in einer H&M Filiale in der Innenstadt zu wohnen: Ruhe und keine Miete zahlen.

Ich werde von Tag zu Tag antriebsloser und trauriger. Und doch ist allein leben ein großer Luxus. Man hockt nicht aufeinander und kann niemandem die Schuld für den eigenen Frust geben. Schon jetzt, zwei Wochen nach der Kontaktsperre , sind die Zahlen der Obdachlosen infolge häuslicher Gewalt gestiegen. Zum Beispiel in Berlin: die auf der Strasse lebenden Kinder, die es zu Hause nicht mehr ertragen, werden immer mehr.

Und auch die, die schon vorher obdachlos waren, trifft es besonders hart. Die meisten haben Vorerkrankungen und gehören zur Risikogruppe. Ohne Versicherung ist es sehr schwierig, medizinisch versorgt zu werden. Notunterkünfte sind geschlossen.

Mein erstes Foto dieser Woche zeigt Herrn K. aus Bulgarien. Ich habe seinen Namen nicht gut verstanden, er spricht weder deutsch noch englisch. Er lebt unter der Zoobrücke zwischen einem Brückenpfeiler und einer Querstrebe. Der Fußweg geht direkt an ihm vorbei, aber man sieht ihn kaum. Ich weiß nicht, wie es ihm geht, aber ich weiß, dass er sehr offen und freundlich auf mich reagiert hat. An dem Tag war ich dann auch weniger traurig und antriebslos.



Ich vermisse das Südbad. Aber vor allem vermisse ich meine Freunde, mein Kind, meine Familie. Ich vermisse meine Arbeit. Ich vermisse es, umarmt zu werden. An Ostern will ich gar nicht denken.



14.04.2020

Ostern 2020

Wieder eine geruhsame Corona-Woche hinter mir. Ich bin im neuen Tempo angekommen. Jeden Tag räume ich eine Ecke in meiner Wohnung auf und verabschiede mich von vielen Dingen. Ich denke, eine der Chancen der Krise ist es, jetzt die Zeit zu nutzen, um sich von Altem zu trennen und Platz für Neues zu schaffen. Das Leben nach Corona wird nicht mehr so sein wie davor und da tut es gut daran, aufzuräumen - innerlich und äußerlich, um neue Ziele zu finden. In sich hineinhorchen, was einem wirklich wichtig ist und das in die neue Zeit mitnehmen.

Am Abend schreibe ich jeden Tag drei Dinge auf, die schön waren. Deshalb heute Fotos von drei Erlebnissen der letzten Woche,, die mir Freude gemacht haben.

Die Ostertage - ich habe im Wald den Vögeln zugehört und Zeit mit David, meinem Sohn verbracht. Kleine Dinge, die mich glücklich machen.












Ein Spaziergang mit very special Lavinia, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, um Herrn K. ein kleines Osterpaket zu bringen. Leider war er nicht da, wir haben es trotzdem an seinem Platz gelassen.




21.04.2020

Nicht so viel los in meinem Leben. Drum herum wird viel geredet, berichtet und entschieden. Heute habe ich in der Sendung „Tonart“ bei DeutschlandfunkKulter gehört, dass 70% der schweren Covid-19-Verläufe Männer betrifft. Das liegt nicht nur an einem ungesünderen Lebenswandel der Männer. Frauen haben eine genetisch bedingt bessere Abwehr gegen Infektionskrankheiten.

Für mich persönlich sind das keine so schlechten Nachrichten. Genauso wie die Meldung, dass die Wiesn abgesagt ist. Das ganze Jahr viel Platz in meiner Nähe und mitten in der Stadt - wunderbar.

Wie immer war ich auch diese Woche wieder Obst und Gemüse bei DESA einkaufen. Das erste Foto ist von dort. Gestern war ich am Bahnhof und habe den Herrn mit Brille beobachtet - er hatte eine wichtige Mission. Und zwar wollte er aus zuverlässigen Quellen erfahren, wann denn nun die Geschäfte wieder öffnen. Er hat jeden angesprochen, der eine wie auch immer geartete Uniform anhatte. Davon gibt es zur Zeit gefühlt mehr als Passanten. Polizei, Security, Bahnhofsarbeiter. Mit mir wollte er keinesfalls sprechen. Leider habe ich keine Uniform.












28.04.2020

Ein gewisser Widerstand innerhalb der Bevölkerung gegen die Corona-Maßnahmen ist zu beobachten. Ich spreche hier nicht von Verschwörungstheoretikern und Anhängern der AfD, sondern von Wissenschaftlern, Ärzten, Politikern und ganz „normalen“ Bürgern, die sich Gedanken über die Würde des Menschen machen.

Ich denke, die ganze Sache mit dem Lockdown ist bislang deshalb ruhig verlaufen, weil alle gleich waren. Niemand durfte Freunde oder Großeltern sehen, niemand durfte reisen etc. Nun wird langsam über eine Lockerung der Maßnahmen nachgedacht. In den gestrigen 20 Uhr Nachrichten von DeutschlandfunkKultur habe ich eine kurze Meldung dazu gehört. Und zwar sollen zuerst diejenigen, die Ferienhäuser oder -wohnungen haben oder Dauercamper sind reisen dürfen. Gegen Ende des Sommers dürften dann auch wieder Tagesreisen unternommen werden. Ich halte es für sehr unklug, diejenigen, die durch Ihren Besitz bereits privilegiert sind, weiter zu privilegieren. Dagegen wird es Widerstand geben und das ist gut so.

Letzten Sonntag war ich in der Münchner Innenstadt, dort habe ich die Fotos dieser Woche gemacht. Ein paar Spaziergänger. Eine alte Dame, die mich um Geld gebeten hat, aber nicht fotografiert werden wollte aus Angst, ich würde sie anzeigen. Die Blumen sind schon Ende April vertrocknet und die Stimmung leicht bedrückt. Überall wird geputzt. Übrigens: viele Inhaltsstoffe von Putz- und Desinfektionsmittel sind gesundheitsschädlich (bspw. krebserregend und lungenchädigend). Super Sache bei einem Virus, der die Lunge befällt.










05.05.2020

Während der langen Coronatage höre ich seit Wochen viel Radio - öffentlich rechtliches. Letztlich wird immer das Gleiche gesagt und absolut unkritisch berichtet. Ich bin kein politischer und auch kein besonders kritischer Mensch. Aber das ist selbst mir aufgefallen. Ich habe angefangen, mich bei unabhängigen Medien zu informieren und bin entsetzt über all die Hintergrundinformationen, die uns vorenthalten werden.

Am Samstag war ich als Zuschauerin auf der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen. Dort habe ich ein Grüppchen von vier jungen Frauen plus Hund getroffen, die für den Erhalt der Grundrechte und gegen Impfzwang demonstriert haben. Vor allem möchten sie auf die Änderung des Infektionsschutzgesetztes aufmerksam machen, das bereits am 15.05 in Kraft treten soll. Dieses sagt aus, dass jeder, der nicht gegen das Virus immun ist, in seinem öffentlichen Leben eingeschränkt wird.

Überall in der Stadt wehen Fahnen „30.4.1945 Tag der Befreiung“, das fühlt sich alles so merkwürdig an.










Aber die Maßnahmen werden ja gelockert, ist ja alles nicht so schlimm… endlich wieder Friseur. So lustig wird’s allerdings hinter den Masken sicher nicht. Ja, ja, ich weiß, die Masken sind wichtig und notwendig - ich muss die anderen vor mir schützen.








Und noch etwas heute: seit Anfang der Krise frage ich mich, was all die Männer tun, die jetzt nicht mehr zu Prostituierten gehen können. Ich habe eine mögliche Antwort darauf von einem Ex bekommen. Seit Jahren bin ich von ihm getrennt. Letzte Woche hat er mir geschrieben, er hätte gerne wieder Sex mit mir. Wenn ich eine Prostituierte wäre, würde ich das sportlich nehmen. Bin ich aber nicht. Das Arschloch denkt, er könnte es ja mal probieren, ob er bei mir das bekommt, was ihm seine Freundin im Bett nicht gibt. Mit ihr läuft es gut, sagt er. Wenn sie erfährt, was er hinter ihrem Rücken so treibt - denkt sie dann immer noch, dass es gut läuft? Ich habe größte Hochachtung vor dem Berufsstand der Prostituierten, sie machen die Drecksarbeit in unserem Land.








Mein Beitrag von dieser Woche sprengt den Umfang meiner Kolumne, alle Fotos von der Demonstration sind hier zu sehen ist.

Am Samstag war wieder eine Demonstration, ich habe dort fotografiert, um das Zeitgeschehen zu dokumentieren. Die Stimmung war friedlich, wenn auch sehr emotional. Die Polizei hat die Veranstaltung von oben vom Rathaus aus beobachtet und gefilmt. Außer gelegentlichen Aufforderungen, die Abstandsregeln einzuhalten, hielt sich die Polizei heraus. Alles verlief soweit ruhig, es gab immer wieder Sprechchöre wie „Freiheit“, „wir sind das Volk“, u.a. Gegen Ende der Demonstration wurde ein kleines Grüppchen am Rande etwas lauter. Einer von ihnen wurde festgenommen, ich weiß nicht warum. Danach kippte die Stimmung etwas, denn plötzlich gab es ein riesiges Polizeiaufgebot, sie sahen eher wie ein SEK-Trupp aus. Eine Frau hat sich schnell als selbsternannte Deeskaliererin hervorgetan. Sie stellte sich zwischen die Menschenmenge und die Polizisten. Die Madame mit Hut hielt ihr Herz gegen die Menge und jedesmal, wenn es zu Protesten kam, legte sie den Finger an den Mund und wollte damit die Menschen zum Schweigen bringen. Was kann das bewirken, wenn nicht Aggression, wenn einem der Mund verboten wird? Es tauchten immer wieder Frauen auf, die Frieden und Liebe in die Sache bringen wollten, sogar mit Energieübertragung wurde gearbeitet. Man könnte sagen, jeder hat alles gegeben und auf jeden Fall hat jeder jeden dabei permanent gefilmt. Dann ist etwas passiert, was alle sehr gerührt hat: die Polizisten haben ihre Helme abgenommen - was für ein schöner Moment!


Und an dieser Stelle ein noch Nachtrag zu meinem Beitrag von letzter Woche. Vor ein paar Tagen habe eine Nachricht bekommen:

„….. es gibt hier nicht …. abhängigen und unabhängigen Journalismus, aber es gibt natürlich guten und schlechten Journalismus, gute und schlechte Berichterstattung. Deine Kolumne dieser Woche halte ich für eher schlechte „Berichterstattung“. Du stellst die These auf, öffentlich-rechtlicher Rundfunk wäre nicht unabhängig und würde uns Informationen vorenthalten, nennst aber kein einziges Beispiel….“

Zuerst einmal möchte ich dazu sagen: in der Tat habe ich keine Ahnung von Journalismus, danke für den Hinweis auf fehlende Informationen. Diese möchte ich heute nachträglich hinzufügen. Hier einige Beispiele von Menschen, von deren Wissen und Meinungen ich erst auf anderen Kanälen erfahren habe: Prof.Dr.med Sucharit Bhakdi, Prof. Klaus Püschel, Dr.Wolfgang Wodarg, Dr. Daniele Ganser, Dr. John Ioannidis, Prof.Dr. Tasuku Honjo und andere.

Aber das scheint sich jetzt zu ändern:
https://www.zdf.de/politik/berlin-direkt/berlin-direkt-clip-1-380.html

Und weiter mein Kritiker: „…. Du gibst eine wilde These wieder über ein geplantes neues Infektionsschutzgesetz, bringst aber keinen einzigen Beleg. Klar. manch tolle Theorie macht unsere derzeit besonders komplizierte Welt so herrlich einfach….“

Folgende Information habe ich von den DemonstrantInnen bekommen:

„Entwurf eines Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite (Bundesgesundheitsministerium):

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/S/Entwurf_Zweites_Gesetz_zum_Schutz_der_Bevoelkerung_bei_einer_epidemischen_Lage_von_nationaler_Tragweite.pdf

Besonders weise ich auf die Änderung von § 28 Abs. 1 Satz 3 des Infektionsschutzgesetzes (Artikel 1 Nr. 20 Buchst. a) hin:
 § 28 wird wie folgt geändert: 
a) Absatz 1 Satz 3 werden die folgenden Sätze eingefügt: 
‚Bei der Anordnung und Durchführung von Schutzmaßnahmen nach den Sätzen 1 und 2 ist in angemessener Weise zu berücksichtigen, ob und inwieweit eine Person, die eine bestimmte übertragbare Krankheit, derentwegen die Schutzmaßnahmen getroffen werden, nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft wegen eines bestehenden Impfschutzes oder einer bestehenden Immunität nicht oder nicht mehr übertragen kann, von der Maßnahme ganz oder teilweise ausgenommen werden kann, ohne dass der Zweck der Maßnahme gefährdet wird. Soweit von individualbezogenen Maßnahmen abgesehen werden soll oder Ausnahmen allgemein vorgesehen werden, hat die betroffene Person durch eine Impf- oder Immunitätsdokumentation nach § 22 oder ein ärztliches Zeugnis nachzuweisen, dass sie die bestimmte übertragbare Krankheit nicht oder nicht mehr übertragen kann.’ “









12.05.2020

David ist wieder zu Hause. Er war elf Wochen in einer therapeutischen Wohngemeinschaft. Nach neun Wochen wurde mir vom Jugendamt mitgeteilt, dass die Maßnahme beendet wird, weil David sich nicht an die Regeln hält. Der Grund für Davids Aufenthalt in dieser Einrichtung, war, dass er sich nicht an Regeln hält. David hätte dort den Schulabschluss machen sollen, das ging nicht so gut, denn eine der „Erziehungsmaßnahmen“ dort war zum Beispiel, dass David morgens um neun auf die Straße gesetzt wurde, er hätte dann abends wieder kommen dürfen. David ist unbeugsam, diese Strafe hatte dann zur Folge, dass er gar nicht mehr aufgetaucht ist. Er war circa 4 Wochen vermisst gemeldet, bis er wieder bei mir eingezogen ist.

Nicht ich habe auf diese Maßnahme gedrängt, das Jugendamt hielt die Unterbringung von David in einer Einrichtung für unabdingbar. Die Maßnahme hat täglich 318,61 € gekostet, das Jugendamt übernimmt die Kosten - hieß es. Bei einer Besprechung erhielt ich die Information, dass das Kindergeld eingezogen wird. Auf meine Frage, ob denn noch weitere Kosten auf mich zukämen, wurde mir mitgeteilt, ich müßte je nach Einkommen anteilig etwas vom Unterhaltsvorschuß zahlen und mit der Bemerkung: „das wird Sie aber kaum betreffen“ vom Tisch gewischt und ich wurde zur Unterschrift gedrängt. Dass der ganze Unterhaltsvorschuß eingezogen wird und ich mich darüberhinaus an den Unterbringungskosten je nach Einkommen beteiligen muss, erfuhr ich erst, als David bereits in der Einrichtung war. Dazu muss man sämtliche Einnahmen bloß legen. Dann wird man einer Einkommensgruppe der Kostenbeitragstabelle zugeordnet. Gestern habe ich nach dreieinhalbmonatiger Bearbeitungszeit den Bescheid von der „wirtschaftlichen Jugendhilfe“ bekommen. Mir wird eine monatliche Zahlung in einer Höhe abverlangt, dass mir zum Leben 549,62 € bleiben, das sind 117,62€ mehr als Hartz IV - immerhin. Ich fühle mich gedemütigt.

Ab jetzt gibt es keinerlei Hilfe mehr vom Jugendamt. Nicht genug, dass uns nicht geholfen wurde, ich muss auch noch das Versagen der Fachleute (deren Einkommen ich gar nicht wissen will) so weit mitfinanzieren, dass mir kaum genug zum Überleben bleibt. Muß ich eine 100%ig erfolglose Maßnahme mitfinanzieren ?

Das Foto ist gestern entstanden. „Auf Ehre“ durfte ich 10 Fotos von David machen, dann war Schluß.










19.05.2020

Diese Woche nur ein Foto mit einer kleinen Geschichte über Narzissmus.

Am Samstag war wieder eine Demonstration in München. Die beiden auf dem Foto habe ich dort getroffen, zwei crazy people - finde ich durchaus sympathisch, wirkt allerdings eher wie Fasching. Was die beiden genau machen weiß ich nicht (hoffentlich ist es political correct und ich biete keine Bühne für Verschwörungstheoretiker). Während ich also Herrn Trump und die Künstlerin fotografierte, hielt hinter Ihnen auf der Bühne eine Filmemacherin eine Rede. Sie war sehr laut und sehr polemisch. Sie erzählte, sie hätte acht Jahre lang unbezahlt an einem Film gearbeitet. Dieser Film sei nicht erfolgreich gewesen, weil er das Tabu Tod thematisiert. Später habe ich den Trailer des Werkes angeschaut. Er fängt damit an, dass man die Filmemacherin bei einem Interview sieht, dann tanzt sie. Dann geht es so weiter: kurze Interviews, Focus meistens auf der Filmemacherin. Am Ende tanzt sie wieder. Wauw! Womit sie das Tabu gebrochen hat, wurde mir nicht klar. Auch nicht, was der Film mit Corona zu tun hat. Das muss man sich erstmal trauen - die Bühne einer Demonstration dafür zu nutzen, seinen gescheiterten Film zu promoten. Ich bin dann schnell weg.

Der Virus spaltet unsere Gesellschaft. Es gibt auch schon einen Ausdruck dafür: Corona-Polarisation. Zwei Lager, die sich gegenseitig bekämpfen und beschimpfen. Meine Hoffnung am Anfang dieser Kolumne war: mehr Solidarität - das scheint gescheitert.
26.05.2020

„Enthusiasmus bleibe stets unsere erste treibende Gewalt, unsre Kugel soll wenigstens so kräftig von der Hand empor fliegen, dass der Bogen in den Wolken verschwindet, und ihr Rückfall kaum mehr geglaubt werden soll.“
Friedrich Schiller

Diese Woche war ich bei Samia eingeladen und habe zu Hause beim Aufräumen den Satz von F. Schiller gefunden. Er passt so gut zu ihr. Wenn ich in Samias Augen schaue, habe ich das Gefühl, ich könnte durch sie in eine andere Welt gehen. In eine Welt der Märchen und Magie. Ich wäre oft gerne dort.










02.06.2020

Blackout Tuesday
BLACK LIVRS MATTER










09.06.2020

Diese Woche war ich mit David vor Gericht. Er war wegen Beamtenbeleidigung angeklagt, denn er hatte letztes Jahr auf der Wiesn angetrunken herumgepöbelt. Das ist nicht gut und ich befürworte sein Verhalten nicht. Ich musste ihn nachts abholen, er hatte eine Platzwunde an der Stirn und ein verletztes Knie. Während der Verhandlung versuchte er darauf hinzuweisen, dass er von acht Polizisten auf den Boden gedrückt wurde - auch das mittlerweile berühmte Knie eines Beamten auf seinem Hals - , dass er Verletzungen hatte und auf seine Bitte hin keinen Arzt bekommen hat. Auf all das hat die Richterin weder reagiert, noch wurde in irgendeiner Weise darauf eingegangen. Auch nicht von Seiten der Staatsanwaltschaft oder der Jugendgerichtshilfe (eine Art pro forma Anwalt für minderjährige Straffällige). Ich als seine Erziehungsberechtigte durfte nicht sprechen, als ich das wollte. Ich bin von der Einseitigkeit der Be- und Verhandlung erschüttert.

Aber: ENDLICH steht die Welt auf gegen Rassismus und Ungerechtigkeit. Endlich gehen wir zusammen auf die Straße und demonstrieren für mehr Menschlichkeit und Solidarität. Wird mein Traum doch wahr?

We are all brothers and sisters. Jedes Leben ist gleich viel wert.

Alle Fotos der Demonstration BLACK LIVES MATTER vom 06.06.2020 in München am Königsplatz
hier.
16.06.2020

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, leider wenig Erfreuliches erfahren. Heute schweige ich lieber.

Zwei Tage Sommer in der Stadt.
23.06.2020

Meine Gemütsverfassung diese Woche war: leicht reizbar. Mich nerven Dummheit und Bigotterie. Leute, die sich den Klimawandel auf die Fahne schreiben und über den Regen jammern. Politiker und Machhaber, die Clubs und Konzerthallen schließen, aber Flugzeuge füllen. Und am liebsten sind mir die, die sich über nicht eingehaltene Abstandsregeln auf Demonstrationen aufregen und sich dann in die Flieger quetschen.

Ansonsten nimmt mein Leben langsam wieder Fahrt auf, ich arbeite an meinem
Buchprojekt „Der Garten Eden“. Es geht um die Frage: was ist dein „Painkiller“? Was tust du, damit es dir (wieder) gut geht? Diese Woche war ich bei Mona. Sie hat zwei Katzen, das Tattoostudio „Tattoo Theater“ http://www.tattoo-theater-muenchen.de und sehr spezielle Outfits - eine tolle Frau!

Ich suche weiterhin interessante Menschen mit ausgefallenen Neigungen. Don’t hesitate to contact me!
30.06.2020

Heute wieder ein bisschen was aus dem Nähkästchen.

Wir haben wie alle anderen Familien seit Anfang April Homeschooling. Das bestand für David von Seiten der Schule allerdings nur aus der Mitteilung der Prüfungstermine. Er macht gerade den „externen Quali“, d.h., er muss sich selbstständig oder mit welcher Hilfe auch immer auf die Prüfungen vorbereiten. Denn er darf nicht mehr in die Regelschule gehen. In Bayern steht es den Mittelschulen frei, ob Kinder nach neun Jahren Schule, wenn sie noch keinen Abschluss haben (weil sie z.B. ein Jahr wiederholt haben) eine sogenannte Schulverlängerung bekommen. D.h. im Klartext, ob sie weiter in die Schule gehen dürfen. David darf das nicht, er ist zu anstrengend.

Also Homeschooling. Da blieb diese Woche nicht viel Zeit für neue Fotos, deshalb heute noch ein paar von der schönen Mona und ihrer Miezekatze. Mona und ich haben so einige Gemeinsamkeiten wie z.B. diese: eine ihrer Katzen heißt Kami Katze (von Kamikaze). Ich hatte auch eine Katze, die so hieß - was für ein Zufall! Wir haben sie beide wegen dem Charakter der Katze so genannt: übersetzt heißt Kamikaze göttlicher Wind. Der Charakter ist wagemutig, freiheitsliebend und unbeugsam. Ich habe meine Katze sehr geliebt, musste mich aber schon nach drei Monaten von ihr verabschieden, weil sie von einem Auto überfahren wurde. Den Polizisten, der sie schwer verletzt von der Straße aufgeklaubt haben, hat sie noch in die Hand gebissen. Im Auto ist sie dann gestorben. Ich vermisse sie immer noch sehr.










07.07.2020

Homeschooling Endphase. Die Nerven liegen blank, aber wir ziehen das jetzt durch.
14.07.2020

Wieder unterwegs.

Die alljährliche Parade zum Christopher Street Day wurde leider wegen Corona abgesagt. Es gab sogenannte „Demo-Spots“ in der Innenstadt. Nur kleine Info-Stände, sonst nichts.

Ich bin dann noch Richtung Ostbahnhof gefahren. Eigentlich gefällt mir München viel besser als früher, es gibt nicht mehr hauptsächlich Reichtum und Protz, deutlich mehr Platz für Individualisten. Die Schattenseite ist, dass die Schere weiter auseinander geht, immer mehr Armut und Elend.

21.07.2020

Heike Anne Dietzel ist Karriere Coach. Ihre Mission ist es, Menschen dabei zu helfen, die Karriere zu finden, die wirklich zu ihnen passt. Für Ihre neue Website
https://newcareer.coach entstand das „Bank-Projekt“: wir haben in unserem Viertel Menschen auf der Straße angesprochen und sie zu einem Gespräch mit ihr auf einer Bank eingeladen - sozusagen als Vorgeschmack auf ihr Coaching. Neben ihr sitzt der Designer Tobias Frech https://frech.io.

Die Kolumne geht jetzt in die Sommerpause. Irgendwann geht es weiter. Wahrscheinlich im September.